Dekarbonisierung wird häufig als technologische Herausforderung beschrieben: mehr erneuerbare Energien, mehr Elektrifizierung, mehr Effizienz. Doch diese Perspektive greift zu kurz. Denn selbst die besten Einzelmaßnahmen bleiben nur begrenzt wirksam, wenn sie nicht im größeren Zusammenhang gedacht werden.
In einem aktuellen Interview mit „The Choice powered by ESCP“ macht Eric Stab, CEO von ENGIE Deutschland, genau diesen Punkt deutlich: Dekarbonisierung kann nur dann gelingen, wenn sie als System verstanden wird.
Was zunächst abstrakt klingt, beschreibt in der Praxis eine der größten Herausforderungen der Energiewende. Denn obwohl viele Lösungen längst bekannt sind, zeigt sich immer wieder: Fortschritt entsteht nicht automatisch dadurch, dass einzelne Technologien verbessert oder skaliert werden.
Vielmehr entscheidet sich der Erfolg der Dekarbonisierung an einer anderen Stelle – nämlich dort, wo die Lösungen aufeinandertreffen.
In den vergangenen Jahren lag der Fokus stark auf der Entwicklung und Implementierung einzelner Technologien. Der Ausbau erneuerbarer Energien wurde vorangetrieben, industrielle Prozesse wurden effizienter gestaltet und neue Anwendungen für Elektrifizierung wurden erschlossen.
All diese Maßnahmen sind wichtig. Doch sie entfalten ihre volle Wirkung nur dann, wenn sie Teil eines integrierten Systems sind.
Ein Beispiel für dieses systemische Verständnis ist die strategische Ausrichtung von ENGIE: die „Allianz von grünen Elektronen und Molekülen“. Dahinter steht die Überzeugung, dass eine erfolgreiche Dekarbonisierung weder allein durch erneuerbaren Strom noch allein durch grüne Gase gelingt. Vielmehr müssen beide Energieträger dort eingesetzt werden, wo sie ihre jeweiligen Stärken ausspielen. Während grüne Elektronen etwa Wärmepumpen oder Elektrofahrzeuge besonders effizient versorgen, ermöglichen grüne Moleküle wie Wasserstoff oder Biomethan die Dekarbonisierung von Industrieprozessen sowie des Schwerlast-, Schiffs- und Luftverkehrs. Erst ihr aufeinander abgestimmtes Zusammenspiel schafft die Voraussetzungen für ein klimaneutrales Energiesystem.
Wie Eric Stab im Interview betont, reicht es nicht aus, einzelne Lösungen isoliert zu betrachten. Entscheidend ist vielmehr, zu verstehen, wie Energie, Infrastruktur und Verhalten zusammenwirken – und wie diese Bereiche gezielt miteinander verbunden werden können.
Diese Perspektive markiert einen Wendepunkt. Denn sie macht deutlich, dass Dekarbonisierung nicht nur eine Frage technologischer Innovation ist, sondern vor allem eine Frage der Integration.
Trotz dieses Wissens werden viele Maßnahmen weiterhin isoliert geplant und umgesetzt. Das zeigt sich in unterschiedlichen Kontexten:
Das Ergebnis sind Fortschritte, die zwar sichtbar sind, jedoch häufig hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben.
Nicht, weil es an Lösungen fehlt, sondern weil die Lösungen nicht ausreichend miteinander verzahnt sind.
Der Begriff „Systemdenken“ wird häufig abstrakt verwendet. In der Praxis bedeutet er jedoch etwas sehr Konkretes: die bewusste Gestaltung von Zusammenhängen.
Im Mittelpunkt stehen dabei Fragen wie:
Systemdenken bedeutet damit nicht, alles gleichzeitig zu lösen. Vielmehr geht es darum, die relevanten Wechselwirkungen zu erkennen und gezielt zu berücksichtigen.
Mit der neuen Sichtweise verändert sich auch die Art, wie Entscheidungen getroffen werden. Statt isolierter Optimierung einzelner Projekte rückt die Frage in den Mittelpunkt, wie sich Maßnahmen in ein größeres Gefüge einfügen.
Für Unternehmen bedeutet das, Dekarbonisierung nicht nur als technische Umstellung einzelner Anlagen zu verstehen, sondern als strategische Transformation entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Für Städte und Infrastrukturanbieter wird deutlich, dass sektorübergreifende Planung an Bedeutung gewinnt – etwa durch die Verknüpfung von Energie-, Wärme- und Mobilitätssystemen.
Und auch auf politischer Ebene zeigt sich, dass Rahmenbedingungen so gestaltet werden müssen, dass sie nicht nur Einzelmaßnahmen fördern, sondern deren Zusammenspiel ermöglichen.
Ein zentraler Aspekt des Systemdenkens sind die Schnittstellen zwischen verschiedenen Bereichen. Besonders klar wird die Komplexität im Zusammenspiel von Marktmechanismen und Infrastruktur.
Hier entscheidet sich, ob aus einzelnen Lösungen ein funktionierendes Gesamtsystem entsteht. Schnittstellen können technischer Natur sein – etwa zwischen Stromnetz und industriellen Anwendungen –, aber auch organisatorisch oder wirtschaftlich geprägt sein.
Gerade diese Übergänge sind oft schwer zu standardisieren. Gleichzeitig bieten sie enormes Potenzial: Hier lassen sich Effizienzgewinne realisieren, Emissionen reduzieren und neue Geschäftsmodelle entwickeln.
Die Herausforderung besteht darin, die Schnittstellen nicht als Nebenprodukte zu betrachten, sondern als zentrale Bestandteile der Transformation.
Die Dekarbonisierung ist heute weniger eine Frage fehlender Technologien als eine Frage ihrer Integration. Oder anders gesagt: Die Herausforderung liegt nicht darin, neue Lösungen zu finden, sondern darin, bestehende Lösungen miteinander zu verbinden.
Genau das ist die zentrale Botschaft von Eric Stab im Gespräch mit „The Choice powered by ESCP“ – und gleichzeitig eine der wichtigsten Aufgaben für die kommenden Jahre. Das vollständige englischsprachige Interview lesen Sie hier.