Wenn man ein Puzzle zusammenfügen möchte, ist es hilfreich, eine klare Vorstellung zu haben, wie es am Ende aussehen soll. Ohne dieses große Bild tappt man im Dunkeln – egal, wie perfekt die einzelnen Teile sind. Genau das erlebe ich derzeit in der deutschen Energiepolitik: viele gute Einzellösungen, aber das verbindende große Bild fehlt. Als globaler Energiekonzern profitieren wir bei ENGIE davon, täglich aus verschiedenen Märkten zu lernen. Die jüngste und in unserer Unternehmenshistorie bislang größte Übernahme von UK Power Networks, dem führenden britischen Stromverteilnetzbetreiber, ist für uns mehr als nur eine strategische Akquisition. Sie erweitert unseren Blick darauf, wie Energiesysteme intelligent vernetzt werden können. Diese und weitere internationale Erfahrungen zeigen uns im Konzern und mir persönlich in meiner Verantwortlichkeit für die europäischen Netze bei ENGIE, wie die Puzzleteile der Energiewende zusammengehören. Diese Perspektive ist gerade jetzt wertvoll für zahlreiche Länder und für Deutschland im Speziellen. Mit der Bundestagswahl entstanden große Erwartungen an die künftige Ausgestaltung der Energiewirtschaft. Während die Europäische Union klare Ziele und weitere Vorgaben setzte, brauchen wir auf nationaler Ebene vor allem Stabilität und langfristige Planbarkeit, um die Energiewende entschlossen voranzutreiben.
"Als globaler Energiekonzern sehen wir bei ENGIE täglich, was in verschiedenen Märkten funktioniert. Diese internationale Perspektive ist jetzt wertvoll für Deutschland."
Die Weltklimakonferenz in Brasilien hat im November 2025 die grundlegenden Klimaziele bekräftigt – doch geopolitische Spannungen haben den Fokus verschoben. Stand bis vor einigen Jahren der Klimaschutz allein im Mittelpunkt, rücken inzwischen Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit wieder stärker ins Bewusstsein. In einer von Komplexität, Unordnung und Unsicherheit geprägten Welt hat sich die Gewichtung der Themen deutlich verändert. Die deutsche Wirtschaft steckt in einer schweren strukturellen Lage; sie zu revitalisieren, bleibt ein zentrales politisches Ziel. Gleichzeitig dürfen wir das gesellschaftliche Ziel der Klimaneutralität nicht aus den Augen verlieren. Doch der Ausbau der erneuerbaren Energien verliert an Dynamik, die politischen Leitplanken für die Energiewende in der Gaswirtschaft und bei der Wärmeversorgung sind noch nicht klar definiert. Wasserstoff bleibt als Hoffnungsträger, ist aber keine kurzfristige Lösung. Wie überbrücken wir diese entscheidende Zeitspanne?
Das energiepolitische Dreieck neu auszubalancieren, bedarf eines Systemwechsels auf dem Energiemarkt, der hoch anspruchsvoll, kostenintensiv und zeitaufwendig ist. Aus internationaler Sicht sehe ich: Die erfolgreiche Energiewende braucht klare, langfristige Rahmenbedingungen und den Mut zu systemischen Lösungen. Momentan herrscht in Deutschland Unsicherheit bei Unternehmen und Kommunen, die erhoffte Investitionswelle im Mittelstand ist in den vergangenen Monaten ausgeblieben. Nicht zuletzt aus diesen Gründen lässt das erhoffte Wirtschaftswachstum in Deutschland auf sich warten. Deshalb ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um mit pragmatischen Lösungen die Weichen für eine bezahlbare und resiliente Energiezukunft zu stellen.
"Die Energiewende ist ein komplexes System; sie funktioniert nur, wenn alle Teile ineinandergreifen. Bei ENGIE Deutschland wissen wir: Es braucht den Blick fürs Ganze."
Wir bei ENGIE Deutschland bringen die Energiewende in Deutschland auch in schwierigen Zeiten voran. Wir sind davon überzeugt, dass die Transformation gelingen kann, wenn wir innovative Technologien gezielt einsetzen und Energielösungen neu denken. Zwei Beispiele verdeutlichen unseren Ansatz: Gemeinsam mit BASF haben wir einen langfristigen Biomethan-Abnahmevertrag über sieben Jahre unterzeichnet. In diesem Rahmen liefern wir 2,7 bis 3,0 Terawattstunden zertifiziertes Biomethan an die BASF-Standorte Ludwigshafen und Antwerpen. Biomethan ersetzt dort fossile Rohstoffe in der chemischen Produktion und reduziert den Product Carbon Footprint erheblich. Dieses Projekt zeigt: Grüne Moleküle sind sofort verfügbar, nutzen bestehende Gasnetze und sind volkswirtschaftlich sinnvoll. Statt Gasnetze stillzulegen, sollten wir den Brennstoff grün machen; das ist der pragmatische Weg zur Dekarbonisierung. In Tettnang in Baden-Württemberg haben wir gemeinsam mit dem Regionalwerk Bodensee in diesem Sommer den Spatenstich für ein innovatives Nahwärmenetz gesetzt. Mit einer Leistung von bis zu 14,1 Megawatt versorgen wir künftig 14 öffentliche Gebäude mit 100 Prozent erneuerbarer Energie aus regionalen Holzhackschnitzeln. Das Projekt spart jährlich bis zu 4.176 Tonnen CO₂ ein und zeigt, wie kommunale Wärmewende funktioniert: regional, bezahlbar, klimafreundlich. Perspektivisch wird das Netz auf angrenzende Wohn- und Gewerbegebiete ausgedehnt — ein Modell für ganz Deutschland.
Unsere beiden Projekte zeigen, dass wir Klimaschutz mit Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit vereinen können. Dabei setzen wir auf Technologien und auf Energieträger, die heute schon funktionieren. Energieinfrastrukturen auf die Zukunft neu auszurichten, ist kein Fingerschnippen. Es ist ein umfangreicher Systemwechsel, der hoch anspruchsvoll, kostenintensiv und zeitaufwendig ist. Warum diskutieren wir derzeit über das Aufgeben bestehender Netze – anstatt zu überlegen, wie wir den Brennstoff schnell grün bekommen? Gegenüber der Politik vertreten wir als ENGIE Deutschland folgende konkrete Standpunkte:
Die internationale Erfahrung von ENGIE zeigt: Energiewende gelingt dort am besten, wo Politik, Wirtschaft und Gesellschaft an einem Strang ziehen. Wo klare, langfristige Rahmenbedingungen Investitionssicherheit schaffen. Und wo systemisches, gesamtheitliches Denken Vorrang vor Einzellösungen hat. Deshalb ist für mich und für das ganze Unternehmen ganz klar: Als ENGIE Deutschland werden wir auch 2026 investieren, unter anderem in erneuerbare Energien, in den Ausbau von Wärmenetzen und in flexible Erzeugungskapazitäten. Wir werden weiter zeigen, dass die Energiewende machbar ist, wenn man sie richtig anpackt. Und wir werden uns verstärkt für eine Energiepolitik einsetzen, die Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit und Klimaschutz zusammendenkt. Denn ich bin überzeugt: Wenn wir lösungsorientiert denken und handeln, wenn wir Bestehendes hinterfragen und auch innovative Wege beschreiten, dann werden wir erfolgreich sein.
Lassen Sie uns gemeinsam diese Chance nutzen – mit Mut, mit Weitblick und vor allem mit der Überzeugung, dass wir die Zukunft gestalten können. Wo sehen Sie die größten Chancen für systemisches Denken in der Energiewende? Ich bin gespannt auf Ihre Gedanken und freue mich auf den Dialog per E-Mail oder auf LinkedIn mit Ihnen!
Ihr
Eric Stab
Vorstandsvorsitzender der ENGIE Deutschland AG