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Impulse #29: Souveränität beginnt im Stromsystem

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04. August 2026

Die erste Stufe der Energiewende war eine Frage der Megawatt. Die nächste Stufe wird zur Frage der Intelligenz. Denn bei zeitweise mehr als 60 Prozent Erneuerbaren im Netz zählt der richtige Zeitpunkt mehr als die reine Menge. Im neuen „Impulse“ erläutert Katrin Fuhrmann, Vorständin Energiemanagement der ENGIE Deutschland AG, warum Flexibilität zur Währung dieses Jahrzehnts wird und wie ENGIE Deutschland heute schon die intelligente Energiewelt gestaltet.

 

„Die Leitfrage hat sich verschoben. Früher galt: „Wie bekommen wir mehr Megawatt ans Netz?“ Heute steht im Fokus: „Wie bekommen wir die richtigen Megawatt zur richtigen Stunde an den richtigen Ort?“ Das ist Flexibilität, die Währung dieses Jahrzehnts.“

Was, wenn zu viel Strom aus erneuerbaren Energieanlagen zum Problem wird? Der 1. Mai 2026 lieferte darauf eine eindrückliche Antwort und bot einen Vorgeschmack auf die neue Energiewelt. In Deutschland hatten wir Feiertag, die Industrie stand also still, und mittags war Solarstrom im Überfluss verfügbar. Die Folge: Der Preis an der Strombörse stürzte mittags auf minus 500 Euro pro Megawattstunde, den regulatorischen Mindestpreis. Am Abend kletterte er wieder auf über 200 Euro – ein Spread von mehr als 700 Euro pro Megawattstunde an einem einzigen Tag. Deutschland stand damit in europäischer Gesellschaft, denn am selben Tag schlossen acht Gebotszonen gemeinsam auf diesem Niveau. Etwas mehr als ein Jahr zuvor hatte sich das Gegenbild gezeigt: Am 12. Dezember 2024 traf wenig Wind auf einen verhangenen Himmel und einen kalten Spätnachmittag – eine klassische Dunkelflaute. In der Folge stieg am frühen Abend der Preis auf mehr als 900 Euro pro Megawattstunde, der gesamte steuerbare Kraftwerkspark war im Einsatz. Bundesnetzagentur und Bundeskartellamt prüften die Situation monatelang und bestätigten dann: Die Knappheit war real, der Markt funktionierte ordnungsgemäß. Also dieselbe Achterbahn, allein die Vorzeichen kehrten sich um. Diese beiden Tage offenbaren für mich spiegelbildlich ein Energiesystem, das lautstark nach mehr Flexibilität ruft.

 

Vom Ausbau zum Systemdenken

Über Jahre folgte die Energiewende einer klaren Logik: mehr Erzeugung, mehr Netz, mehr Ausbau. Diese Logik bleibt richtig. Erneuerbare deckten 2025 bereits rund 56 Prozent der Stromerzeugung in Deutschland (Quelle: Fraunhofer ISE, Energy-Charts), sie sind eine handfeste Erfolgsgeschichte. Doch je höher ihr Anteil steigt, umso dringender wird eine andere Herausforderung: Erzeugung und Verbrauch zeitlich zusammenzubringen. Die Leitfrage des Stromsystems heißt nicht mehr: „Wie bekommen wir mehr Megawatt ans Netz?“ Heute lautet sie präziser: „Wie bekommen wir die richtigen Megawatt zur richtigen Stunde an den richtigen Ort?“ Der Schlüssel für das Energiesystem der Zukunft ist Flexibilität. Mit 24/7-Lieferverträgen für grünen Strom hat das nur mittelbar zu tun. Im Kern geht es um die Stabilität unseres Stromsystems.

„Das Rennen um künstliche Intelligenz ist heute ein Rennen um Megawatt. Wer schnell, emissionsarm und planbar Gigawattstunden bereitstellt, entscheidet, wo die Zukunft gebaut wird.“

 

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Flexibilität ist die Währung dieses Jahrzehnts

Zunächst eine Einordnung. Die Flexibilitätslücke im deutschen Stromsystem ist heute rund 40 Mal so groß wie unsere installierte Batterieflotte. Das bringt uns zu der Frage, woher zusätzliche Flexibilität im System kommen kann. Ich sehe hier mindestens drei Quellen:

  • Erstens die Speicher. Batteriespeicher nehmen Strom genau in den Stunden auf, in denen sein Wert gegen null fällt oder ins Negative kippt, und geben ihn zurück, wenn er das Mehrfache kostet. Bis 2030 brauchen wir in Deutschland das Vielfache der heute installierten Kapazität.
  • Zweitens die Industrie. Allein die deutsche Industrie kann Lasten in der Größenordnung mehrerer Großkraftwerke verschieben, sobald die Anreize stimmen und die Netze das Preissignal in Echtzeit übersetzen. Der Smart-Meter-Rollout rückt damit ins Zentrum: Er bildet die Grundvoraussetzung.
  • Drittens die Rechenzentren, die eigentlichen Gamechanger. Ihr Stromverbrauch wird sich bis 2030 verdoppeln. Heute sehen wir sie eindimensional als Stromverbraucher. Doch sie wachsen derzeit zu aktiven Systemakteuren mit flexiblen Lasten, eigenen Speichern und 24/7-Verträgen über grünen Strom. Als natürliche Ankerkunden tragen sie genau die Flexibilitätsinfrastruktur, die wir jetzt im System aufbauen müssen.

 

Energie entscheidet, wo die Zukunft gebaut wird

Worum geht es im Kern? Energie ist der Wettbewerbsfaktor dieses Jahrzehnts. Sie entscheidet, ob die nächste Fabrik in Deutschland entsteht oder in Texas. Ob das nächste Rechenzentrum hier ans Netz geht oder in Virginia. Ob Europa im Rennen um künstliche Intelligenz Akteur bleibt oder zum Zaungast wird. Denn das Rennen um künstliche Intelligenz ist heute ein Rennen um Megawatt. Über den Ort, an dem die nächste Modellgeneration trainiert wird, entscheidet neben der Forschung vor allem eine Frage: Wer stellt schnell, emissionsarm und planbar genug Gigawattstunden bereit? Europa hält hier starke Karten mit einem vergleichsweise emissionsarmen Strommix, einem robusten Netz und einem ernsthaften Speicherausbau. All diese Entscheidungen fallen jetzt, lange vor 2030. Denn 2030 mit den genannten Herausforderungen um Rechenzentren, Speicher, Netzanschlüsse und Energieverträge entsteht aus den Weichenstellungen von heute.

 

Daten sind die neue Grundlast: Der Markt trägt sie

Als deutsche Plattform der internationalen Handelsabteilung ENGIE Supply & Energy Management erleben mein Team und ich täglich, wie sich die Wertschöpfung verschiebt. Wer heute ein Portfolio aus Erzeugung, Speichern und Kundenlasten optimiert, gewinnt einen Vorsprung durch die Qualität der Prognosen, durch das Netting von Risiken und durch die Geschwindigkeit der Entscheidungen. Physische Anlagen bleiben unverzichtbar. Über den Vorsprung entscheiden jedoch Prognosegüte und Entscheidungstempo. Der Wert eines Speichers entsteht im geschickten Spiel zwischen Day-Ahead-Markt, Intraday-Handel und Regelenergie, stets auf der Suche nach den Preisunterschieden, um die Spitzen des Marktes zu dämpfen. Das Ermutigende dabei: Der deutsche Batteriemarkt wächst ohne Subventionen und rangiert dennoch als dynamischster Europas. Ihn trägt die Bereitschaft großer Player wie ENGIE, Festpreis-Flexibilitätsverträge (Flexibility Purchase Agreements / FPAs) abzuschließen. Genau diese Verträge machen Speicher bankfähig, denn sie übersetzen das Marktrisiko in eine finanzierbare Cashflow-Kurve. ENGIE Deutschland schloss 2024 den ersten dieser Verträge im deutschen Markt. Und das Modell breitet sich aus: Beispielsweise haben ENGIE und Return, ein unabhängiger Anbieter von Energiespeicherlösungen, Anfang 2026 eine langfristige Flexibilitätsvereinbarung (virtual Flexibility Purchase Agreement / vFPA) über 100 Megawatt für den deutschen Markt unterzeichnet, die ab 2027 in Kraft tritt. Und erst vor wenigen Wochen, im Juni 2026, haben wir mit dem Energie-Technologieunternehmen Flower Infrastructure Technologies AB eine siebenjährige virtuelle Flexibilitätsvereinbarung (Flexibility Purchase Agreement / FPA) abgeschlossen, die ab Januar 2029 126 Megawatt flexibel einsetzbare Leistung aus Batterie-Energiespeichersystemen (BESS) in Deutschland umfasst. Solche Verträge zeigen, wie der Markt Flexibilität organisiert und finanziert. Diese Fähigkeit entscheidet zunehmend über die Stabilität unseres gesamten Energiesystems.

 

Resilienz heißt heute europäisch

Wenn wir auf die vergangenen Jahre blicken, zeigt sich deutlich: Nach der Krise ist vor der Krise. Corona, der Krieg in der Ukraine und der Krieg in Nahost, die Spannungen der Energiemärkte zeigen dies. Der nächste Schock wird bestimmt kommen, offen bleiben lediglich Datum und Ort. Resilienz gehört deshalb zum Pflichtprogramm. Doch Resilienz gelingt heute allein europäisch. Das deutsche Stromsystem ist längst Teil eines europäischen Energiemarkts, in dem Preise, Stromflüsse und Netzengpässe grenzüberschreitend wirken. Der 1. Mai 2026 war ein europäisches Ereignis, weit über Deutschland hinaus. Wer souverän handeln will, denkt europäisch: ob beim Netz, beim Marktdesign oder bei der Industriepolitik. Ein flexibles, weitgehend dekarbonisiertes und europäisch gedachtes Stromsystem bildet die belastbarste Versicherung für unseren Industriestandort.

 

Die Energiezukunft ist intelligent

Liebe Leser:innen, Sie sehen: Die eigentliche Herausforderung liegt nicht mehr im Ausbau einzelner Anlagen. Sie liegt darin, Erzeugung, Speicher, Netze und Nachfrage intelligent aufeinander abzustimmen und daraus ein System zu formen, das in Echtzeit auf Angebot und Bedarf reagieren kann. Zweifelsohne bleibt diese Aufgabe anspruchsvoll, die Chancen einer intelligenten Energiewelt aber sind gewaltig. Das Zeitfenster steht offen, doch es wird schmaler. Es zählt jetzt, welche Weichen wir gemeinsam stellen für Versorgungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und Klimaneutralität. Mich interessiert: Wo sehen Sie die größten Chancen, welche Fragen treiben Sie rund um Flexibilität als die Währung des Jahrzehnts um? Ich freue mich auf den Austausch mit Ihnen auf LinkedIn oder per E-Mail!

 

Ihre

Katrin Fuhrmann

Vorständin Energiemanagement der ENGIE Deutschland AG

Unsere Expertin

Katrin Fuhrmann
Katrin Fuhrmann ist Vorständin Energiemanagement bei der ENGIE Deutschland AG und Mitglied des Exekutivkomitees von ENGIE Supply and Energy Management. Sie ist Expertin für die Strukturierung von PPAs, für Risikomanagement und Marktzugangsprodukte für Erneuerbare-Energien-Projekte ohne Förderung sowie für den Marktzugang für subventionierte Anlagen.

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